In diesem Fallbeispiel handelt es sich um ein Pferd, welches gut umsorgt und gehalten wird.
Manchmal ist es aber so, dass Pferdebesitzer kleinste Anhaltspunkte für eine Erkrankung nicht erkennen, weil in der Regel nicht mit der Materie vertraut.
Aber plötzlich sind Symptome da, die sich nicht mehr übersehen lassen. Trotzdem ist die Ursache nicht immer glasklar ersichtlich.
Der 19jährige Wallach steht vorne deutlich rückständig und hinten deutlich vorständig. Die gesamte Hinterhandmuskulatur zittert. Das Pferd tritt von einem Hinterbein aufs andere. Eine ausgeprägte Trageschwäche macht ihm zusätzlich zu schaffen.
Die ganze oberflächliche Muskulatur ist atrophiert, die Unterlippe seit zwei Jahren gelähmt, ein Auge scheint zu erblinden.
Seit zwei Monaten hat das Pferd stark abgebaut.
Bei der Bewegungsanalyse kann das Pferd die HH nicht gut koordinieren, besonders in den Wendungen nicht. Es wird berichtet, das er auch oft stolpert.
Verschiedene Tierärzte vermuten ein nervales Problem oder/und Ataxie und empfehlen ein MRT in einer Klinik.
Dass hier keine normale osteopathische Untersuchung angezeigt ist, versteht sich von selbst. Die Blockierungen im Genick und der gesamten Wirbelsäule, als auch das schiefe Becken, haben aktuell keine Priorität.
Der sonst von Fremden „unberührbare“ Wallach lässt sich, nach ersten kritischen Blicken, von mir anfassen und ich fokussiere mich auf die Beruhigung der Nerven (nicht mental sondern körperlich), welche offensichtlich ein Problem haben.
Im Zuge dessen möchte ich auch Entspannung in der Muskulatur erreichen.
Nach und nach lässt er los. Ich darf sogar in sehr private Zonen vordringen. Das ist z.B. das Schieben meiner flachen Hände zwischen die HH-Adduktoren hoch ins Becken, um dort die Muskulatur zu entlasten. Eine recht anstrengende Technik, aber die Pferde können so einmal alles „Halten“ an den Menschen abgeben.
Weiterhin arbeite ich mit sanfter Massage, dem Release, der Strain-Counterstrain-Technik und achte aber gleichzeitig darauf, dass ich dem Pferd die noch benötigten Verspannungen lasse. Danach hört das Zittern der Muskulatur auf und er kann seine Gliedmaßen etwas lotrechter platzieren.
Nach der Behandlung sieht das gesamte Pferd etwas wie aufgepustet aus. Ich möchte ihn noch einmal an der Longe sehen. Er zeigt sich bewegungsfreudig und möchte alle Gangarten ausprobieren, was erstaunlich gut klappt. Die Koordination seiner Beine ist zumindest im Moment besser. Wie lange der Körper diesen Zustand halten kann muss man sehen.
Die Besitzer bekommen natürlich Hausaufgaben in Form von Behandlungsgriffen am stehenden Pferd, als auch Rehaübungen in Bewegung gezeigt.
Die Frage bleibt, was dieses Pferd hat. Warum ist hier mal wieder der ganzheitliche Ansatz so wichtig?
Im Gespräch mit Besitzern interessiert mich grundsätzlich alles was das Pferd betrifft. So wurde dann auch erwähnt, dass der Wallach viel Last mit Insekten hat und vor allem viele Zecken am Kopf. Da läuten bei mir die Borreliose-Alarmglocken.
Mit Hilfe des Tensors hat sich der Verdacht bestätigt.
Der Tensor hat mir noch Weiteres angezeigt, was für das Pferd jetzt Relevanz hat.
Ich weiß nun, dass das Pferd Borreliose hat, dass die Nerven hochgradig und schon länger betroffen sind und dass ihm einige Mineralstoffe und Vitamine fehlen.
Es wäre aber fatal, jetzt einfach alles mögliche ins Pferd einzugeben, denn die Reihenfolge ist entscheidend.
Die absolute Priorität besteht darin, das System Pferd erst einmal regulationsfähig zu machen. Erst danach kann und darf z.B. die Borreliose ausgeleitet werden.
Die Besitzer bekommen von mir einen detaillierten Plan, wie vorgegangen werden sollte.
In der Zwischenzeit können die Hufe optimiert werden, wenn das Pferd es schafft auf drei Beinen zu stehen. Der Einfluss der Hufe ist bei Handicap-Pferden noch größer als bei ansonsten gesunden.
Die Fütterung wird auch angepasst. Das bedeutet u.a. eine große Heuanalyse, um zu sehen, was das Grundfutter zu bieten hat und entsprechend zu reagieren.
Außerdem braucht die Muskulatur Magnesium, die Nerven brauchen B-Vitamine und alle Ausleitungsorgane müssen unterstützt werden.
Natürlich braucht das Pferd gemäß seiner aktuellen körperlichen Verfassung angepasste Bewegung. Ein schmaler Grad zwischen dem was der „Herdenchef“ möchte und dem was für seinen Körper jetzt förderlich und schaffbar ist.
All diese Dinge zu erkennen, zu beurteilen und in einer sinnvollen Reihenfolge zu behandeln, das bedeutet für mich ganzheitliches Therapieren
